Felsformationen, Hügelgräber und Strandfreuden
Andalusische Tapas
Neben seinen bekannten Höhepunkten tischt uns Spaniens tiefer Süden viele kleine Leckereien auf. Sie warten darauf, entdeckt und gekostet zu werden
Wer Andalusien schon bereist hat, die königliche Alhambra in Granada, die Mezquita von Córdoba, die Schlucht in Ronda oder die Stadtschönheit Sevilla gesehen hat - gerade der sollte wiederkommen. Neben ihren weltbekannten und umlagerten Sehenswürdigkeiten birgt die einstige maurische Bastion viele heimliche „Tapas variadas turisticas”. So wie viele Bars und Kneipen den kleinen und angesichts langer Restaurantzeiten am Abend oft auch den großen Hunger von Touristen aus dem Norden stillen, so verhält es sich in Andalusien mit dem touristischen Angebot: Überall verstecken sich Häppchen, die es zu entdecken lohnt. Das gilt für Andalusienkenner wie für alle, die Neuland betreten.
Pueblos blancos: weiße Schönheiten
Natürlich kommt man so oder so, beim Highlightsabklappern oder bei der Suche nach den kleinen Köstlichkeiten, nicht um die Pueblos blancos herum. Und wer sich mit etwas Glück am richtigen (Feier-)Tag in die weißen Dörfer verliert, der wirft dabei auch einen Blick in die andalusische Seele. Etwa wenn auf dem von steil aufsteigenden Gässchen gesäumten Dorfplatz in Casares die Fiesta vorbereitet wird und der Jamon-Serrano-Absäbler nur die guten Streifen aufs Plättchen schaufelt und die kritischen ins Kröpfchen wandern lässt. Schließlich soll’s ja gut aussehen und schon vorher schmecken. Das 3000-Einwohner-Dörfchen Casares, einer Legende zufolge nach Julius Caesar benannt, der als römischer Prätor hier in der Nähe eine Hautkrankheit in Schwefelbädern kuriert haben soll, schmiegt sich vielleicht am schönsten von allen weißen Dörfern in der Provinz Málaga mit weiß getünchten Häusern an einen Berg.
Wer es ein wenig größer mag, der sollte zwecks Übernachtung vielleicht Arcos de la Frontera ansteuern, 30.000 Einwohner und in der Provinz Cádiz gelegen. Der Namenszusatz „de la Frontera” (an der Grenze) weist Orte in der Region als lang umkämpftes Gebiet zwischen Mauren und Christen aus. Arcos’ Altstadt, auf einem steilen Felsen oberhalb des Flusses Guadalete positioniert, ist mit ihrem engen Gassengewirr ein charakteristisches Vorzeigestück. Oft sind die weißen Häuser in den Gassen durch Stützbogen (span.: arcos) verbunden.
Antequera: Kulturwettbewerb
Weniger besucht als Arcos ist Antequera, 50 Kilometer nördlich der Provinzhauptstadt Málaga, das gegenüber des sogenannten Berg der Verliebten liegt, des Peña de los Enamorados. Schmusig sieht die schroffe Felsformation allerdings nicht aus, weshalb sie auch als schlafender Riese bekannt ist. Wegen der geografisch günstigen Lage an den Verbindungswegen zwischen den großen andalusischen Städten trägt Antequera seit dem 16. Jahrhundert auch den Beinamen „Herz von Andalusien”. Die Stadt, in der heute rund 40.000 Menschen leben, ist drauf und dran, sich das zunutze zu machen. Noch ist Antequera vor allem Ziel kulturell interessierter Reisender. In den Museen lagert ein Großteil der Kunstschätze der Provinz Málaga, man rühmt sich der höchsten Kirchendichte Andalusiens, und Römer wie Mauren haben hier ihre Spuren hinterlassen. Die Steinfragmente der zum Ende der maurischen Herrschaft 1410 zerstörten Alcazaba werden derzeit in mühevoller Kleinarbeit und mit EU-Mitteln restauriert und ergänzt. Bald wird die Burgmauer, die an die prachtvolle Kirche Santa Maria andockt, wieder komplett sein und die Alcazaba auch touristisch verwertbar machen. Und wer hart arbeitet, den belohnt oft das Glück: Bei Bauarbeiten wurden gleich neben der Kirche auch die Reste einer römischen Badeanstalt freigelegt.
Antequera bietet allerdings noch Älteres als maurische und römische Mauern. Direkt am nordöstlichen Stadtrand liegen zwei Dolmen, die Zeugnis von der menschlichen Baukunst der Frühzeit abgeben und zu den größten Megalithbauten Europas gehören. Die Ganggräber aus der Mitte des dritten Jahrtausends vor Christus, der Dolmen de Menga und der Dolmen de Viera, wurden aus behauenen Felsplatten errichtet und dann mit Erde überschüttet. Etwas außerhalb von Antequera gibt es noch den Dolmen El Romeral (etwa 1800 v. Chr.), dessen Seitenwände aus kleinen aufgeschichteten Steinplatten bestehen. Am meisten fasziniert jedoch die Kammer des Menga: Sie ist 25 Meter lang, 2,7 Meter hoch und misst an ihrer breitesten Stelle 6,5 Meter. Die riesigen Steinquader der Decke, der schwerste soll nach Berechnungen allein 180 Tonnen wiegen, werden von drei mächtigen Säulen getragen. Im 19. Jahrhundert fanden Archäologen in der Kammer, aus deren Öffnung man direkt auf den Berg der Verliebten blickt, die Skelette von mehr als 100 Menschen. Erst kürzlich wurde am hinteren Ende ein 19,5 Meter tiefer Schacht entdeckt. Weitere Untersuchungen laufen, man darf gespannt sein. Auch hier wird am touristischen Service gearbeitet, rund um die Hügelgräber entsteht ein Besucherzentrum. Und Antequera darf sich über einen weiteren archäologischen Glücksfall freuen: In der Nähe der Dolmen wurde bei Bauarbeiten eine andere alte Siedlung entdeckt. Antequera war also schon vor Tausenden von Jahren eine Reise wert.
El Torcal: bizarre Felsen
Vielleicht sind schon damals Besucher durch El Torcal spaziert, eine geologische Kuriosität, die nur 14 Kilometer entfernt liegt. Der Torcal, seit 1989 als Nationalpark ausgewiesen, gehört mit seinen außergewöhnlichen, teils bizarren Karstformationen zu den beeindruckendsten Landschaften Europas und zieht neben Touristen (für die derzeit ein neues Besucherzentrum gebaut wird) vor allem Geologen und Botaniker an. Die vor Millionen von Jahren hier am damaligen Meeresboden abgelagerten Sedimente, zwischenzeitlich auf Bergniveau angehoben, wurden im Lauf der Erdgeschichte von Wind und Wetter abgetragen. Weil einzelne Steinschichten der Erosion gegenüber unterschiedlich empfindlich sind, können wir heute eine wildzerklüftete Felslandschaft mit fantastischen Steingebilden bewundern. Die Felsen sehen zum Teil wie frisch aufgetürmte Scheiben aus - bloß nicht anfassen! Es gibt drei Wanderwege durch das Gelände, wobei man nur die grün (1,5 Kilometer; eine Stunde) und gelb (2,5 Kilometer; zwei Stunden) markierte Strecke ohne Führer gehen und den Ratschlag zu festem Schuhwerk berücksichtigen sollte. Der gelbe Pfad führt auch zu „Las Ventanillas”. Da der Torcal hoch über dem umgebenden Land thront (1100 bis 1400 Meter), hat man von dort aus einen Panoramablick auf das Tal von Málaga. Bei gutem Wetter kann der Blick bis zum Mittelmeer reichen. Neben den Wanderfreunden fühlen sich im Sommer auch Freeclimber von dem Park angezogen.
Conil: Strand satt
Nach so viel Kultur und Stein werden selbst Häppchensammler das Meer nicht vergessen. Wer’s beschaulich mag, der sollte statt der Costa del Sol am Mittelmeer die Costa de la Luz am Atlantik ansteuern und kann zum Beispiel in Conil de la Frontera (20.000 Einwohner) wunderbar bei langen Strandspaziergängen entspannen. Nur eine knappe Autostunde südlich vom internationalen Flughafen in Jerez de la Frontera findet man auf dem über 15 Kilometer langen und mehrere Hundert Meter breiten goldgelben Sandstreifen sogar zu den touristischen Höchstzeiten ein ruhiges Plätzchen. Wer im Frühjahr oder Herbst kommt, hat oft seinen ganz persönlichen Quadratkilometer Sonnenstrand. Gerade Strandgeher und -läufer finden in Conil ihr Glück, da der Sand durch die harte Atlantikbrise fest gepresst ist. Sogar Radfahrer kurbeln hier direkt am Wasser ohne Mühe.
Auch die Altstadt von Conil ist einladend und hat den Charme des Pueblo blanco bewahrt; der Hauptplatz wurde gerade frisch restauriert. Selbst zu Stoßzeiten hat man nicht das Gefühl, die kleinen Gassen seien überladen, in denen Dutzende von Cafés, Bars und Restaurants einladen. Tagsüber lohnt sich auch ein Stopp in der La-Ola-Strandbar, etwa 500 Meter vom nördlichen Ende der Stadtpromenade entfernt. Einfach nach dem Spaziergang die Stuhlbeine in den Sand bohren, Beine hochlegen, Flüssigkeit nachfüllen, ein paar Tapas bestellen, aufs Meer schauen und wahlweise auf den Sonnenuntergang oder -brand warten.
Oliver Kauer-Berk
Tipp:
Gleich hinter Benaoján, unweit von Ronda, liegt die Cueva de la Pileta. In der 1,5 Kilometer langen Höhle, erst Anfang des vergangenen Jahrhunderts entdeckt und seitdem in Familienbesitz, sind auf einer zirka einstündigen Führung interessante Höhlenzeichnungen aus der Steinzeit zu sehen. Deren Alter wird auf 15.000 bis 25.000 Jahre geschätzt. Größte Attraktion ist ein überdimensionaler Fisch, obwohl der Ort kilometerweit vom Meer entfernt ist. Bei Wandern vorbei an Stalagmiten und Stalaktiten fühlen sich Besucher wie die frühen Archäologen - bei den Führungen geben einzig Petroleumlampen Licht. In der Regel gibt es zwei Termine am Tag, Zeiten können im Touristenbüro von Ronda erfragt werden.